Blick auf alte Gräber in wilder Natur

Abney Park Cemetery. Sie tragen einen klangvollen Namen: die Magnificent Seven. Gemeint sind jene sieben großen viktorianischen Gartenfriedhöfe Londons, die ab den 1830er-Jahren außerhalb des damaligen Stadtzentrums entstanden, um der dramatischen Überfüllung innerstädtischer Kirchhöfe zu begegnen. Kensal Green, Highgate, Brompton, Nunhead, West Norwood, Tower Hamlets – und Abney Park Cemetery. Der Begriff selbst wurde im 20. Jahrhundert populär und spielt augenzwinkernd auf den Westernklassiker an – doch tatsächlich stehen diese Friedhöfe für architektonische Größe, landschaftliche Weite und eine neue, fast romantische Vorstellung vom Tod als Teil einer gestalteten Natur.

Ein alter Ort der Toleranz im hippem Stoke Newington

Mitten im heute sehr angesagten Londoner Stadtteil Stoke Newington öffnete Abney Park 1840 seine Tore. Von Beginn an war er mehr als ein Begräbnisort. Als bewusst nicht-konfessioneller Friedhof konzipiert, stand er Menschen unterschiedlichster Glaubensrichtungen offen – ein bemerkenswert fortschrittlicher Gedanke im viktorianischen England. Hier waren sie alle gleich – zumindest nach dem Tod. Zugleich wurde er als Arboretum angelegt, mit tausenden gepflanzten Bäumen und Sträuchern aus aller Welt. Natur und Erinnerung sollten hier bewusst ineinandergreifen. Als ich das erste Mal nach Abney Park kam, hatte der Friedhof einen eher trashigen Charme. Drogenabhängige hinter den Bäumen, Obdachlose schlafend in den Ruinen der Kapelle. Ein merkwürdiger „Lost Place“ für ein noch merkwürdigeres  „First Date“ in den früher 2000er Jahren.

zerstörte, überwucherte Gräber im viktorianischen Stil

Heute wirkt der Friedhof wie eine überwachsene Kathedrale aus Stein und Grün. Gotisch anmutende Grabmäler ragen zwischen knorrigen Eiben empor, Engel aus verwittertem Kalkstein neigen ihre von Moos überzogenen Häupter, und schmale Pfade verlieren sich im Halbdunkel dichter Baumkronen. Der Zahn der Zeit ist hier kein Feind, sondern Mitgestalter. Ranken umschlingen Inschriften, als wollten sie die Namen der Verstorbenen behutsam bewahren. Das Licht fällt gefiltert durch Blätter, Staub tanzt in der Luft – eine Szenerie von beinahe filmischer Melancholie. Doch Abney Park ist kein verlassener Ort – kein „Lost Place“ – wie er es noch in den frühen 2000er Jahren war. Nach Phasen des Verfalls im 20. Jahrhundert wurde er unter Schutz gestellt und ist heute zugleich historischer Friedhof und Naturreservat. Vögel nisten in alten Mauern, seltene Pflanzen behaupten sich zwischen Grabsteinen. Leben und Vergänglichkeit existieren hier nicht als Gegensätze, sondern als stille Komplizen. Das Arboretum – ein dichter Urwald von Menschenhand angelegt – eine stille Oase im Herzen der Megacity London. Hier erscheint die sonst so grimme, unnahbare und coole Metropole verletzlich, leise und fragil.

Gefunden, geliebt gefördert – Abney Park Cemetery heute

Wer diesen Ort wirklich verstehen möchte, sollte ihn nicht nur durchschreiten, sondern entdecken. Geführte Touren eröffnen neue Perspektiven: Sie erzählen von den gesellschaftlichen Reformbewegungen des 19. Jahrhunderts, von Persönlichkeiten, die hier ihre letzte Ruhe fanden, von der außergewöhnlichen Idee eines Friedhofs ohne konfessionelle Grenzen. Auch botanische Besonderheiten und architektonische Details werden sichtbar, die dem flüchtigen Blick sonst entgehen. Zwischen Geschichte, Naturkunde und Stadtentwicklung entsteht ein vielschichtiges Bild dieses einzigartigen Ortes. Echte Londoner Urgesteine mit einem Sinn für Stadt- und Stadtteilgeschichte und einem überbordenden Wissen um den Friedhof erzählen auf diesen Touren die Geschichte und Geschichten des Freidhofs. Ein Nachmittag (meist der 1. Sonntag des Monats) der wohl investiert ist, wenn man Friedhöfe und Lost Places liebt.

So wird der Spaziergang durch den Abney Park zu einer Reise in das viktorianische London – und zugleich zu einer meditativen Erfahrung. Es ist die Schönheit des Unperfekten, das Rascheln von Laub auf alten Wegen, das leise Knacken von Zweigen unter den Füßen. Ein Ort, der nicht laut beeindruckt, sondern langsam wirkt. In einer Stadt, die niemals stillsteht, bewahrt Abney Park eine andere Zeit. Oder vielleicht steht die Zeit hier auch ganz still…. Und vielleicht liegt gerade darin seine größte Faszination des geheimnisvollen Friedhofs im Herzen von London.

Zu der offiziellen Webseite geht es hier: https://abneypark.org/